Die Hörbuchnacht beginnt am Sonntag um 22.30 im Saal.
Jörg Fauser: Rohstoff. Auszüge gelesen von Benjamin von Stuckrad-Barre (Alexander Verlag)
»Ein Buch über die Sucht wolle er schreiben, dann hätte der Irrsinn wenigstens einen Sinn gehabt. So äußerte sich Benjamin von Stuckrad-Barre,
nachdem er im Sommer seine Kokainabhängigkeit gestanden hatte. Dass er der Audioversion von Jörg Fausers Drogenroman Rohstoff da seine Stimme leiht, macht Sinn. Der Beat- und der Popautor zeigen
Gemeinsamkeiten: die Ablehnung durch das klassische Feuilleton, die Liebe zur Subkultur, das flaneurhafte Leben zwischen den Welten. "Aushalten der Welt durch permanentes Entfliehen": Treffender
lassen sich die Irrfahrten des Schriftstellerjunkies Harry Gelb nicht beschreiben. Von einem Hotel in Istanbul über eine Berliner Kommune bis zum besetzten Haus in Frankfurt probiert Fausers Held
sämtliche antibürgerlichen Existenzformen aus. Am Ende bleibt alles anders, Konstanten sind ihm allein das Schreiben, die Drogen und ein Hauch von Revolution. Auch hier wieder Parallelen.«
KulturSPIEGEL, (11/2004)
Franz Dobler liest 'Cut City Blues' und andere Gedichte aus 'Trotzki, Goethe und das Glück' (Alexander Verlag)
»Ein Gesangbuch, durchzogen von einem wummernden Blues. Könnte mir jemand in den Sarg legen.« Franz
Dobler
»Der Autor stürmt in sein Zimmer, in jeder Hand eine Pistole, er feuert ununterbrochen und dreht sich schreiend im Kreis, schießt seine Gedichte ab, ständig taucht ein neues auf, aus dieser Ecke
oder hinter ihm, und jedes, das er nicht trifft, könnte ihn umbringen. (...)
Geht man den Weg zurück zum Anfang der deutschen Popliteratur, entdeckt man also einen Mann, der Gedichte schrieb, um sein Leben zu retten – nicht um die Zeit totzuschlagen, nicht um ins
Fernsehen zu kommen, nicht um etwas Glanz übers Germanistikstudium zu kippen, nicht um was Besonderes zu sein. So einfach kann die Antwort sein auf die Frage, warum schreiben Sie?«
Franz Dobler im Nachwort von Trotzki, Goethe und das Glück
Finn-Ole Heinrich - Auf meine Kappe (Mairisch Verlag)
Als Zivildienstleistender las Finn-Ole Heinrich ein Jahr lang einem Mann vor, der vollständig gelähmt war. Nur noch seine
Augen konnte er bewegen – aber er konnte zuhören. Auf diese Weise erlernte Finn-Ole Heinrich seine eindringliche Art des Vorlesens, die den Hörer nicht mehr loslässt.
Nach hunderten von Lesungen in den vergangenen Jahren ist Finn-Ole Heinrich nun erstmals auf CD zu hören. Verschiedene Erzählungen sind hier zusammengestellt, aus seinem
Debüt die taschen voll wasser, aber auch aus dem neuen Erzählband Gestern war auch schon ein Tag.
Claes Neuefeind (Hg.) - pressplay I&II. Die Anthologie der freien Hörspielszene. (Mairisch Verlag)
Zum ersten Mal erscheint in Deutschland mit pressplay eine Anthologie der freien Hörspielszene. 20 Hörspiele, die die ganze Bandbreite aktueller Produktionen zeigen: Preisgekrönte Stücke aus den Hörspielwettbewerben "Hörspielsommer" (Leipzig) und "Plopp!" (Berlin), aber auch Ungehörtes und Eigenwilliges. Die 20 besten Hörspiele dieser Szene, ausgewählt und vorgestellt von Claes Neuefeind – zu hören auf pressplay.
pressplay ermöglichte erstmals einen kompakten Einblick in das Schaffen der Szene und zeigte kreative und engagierte Hörspielmacher, die auf hohem inhaltlichen und
technischen Niveau Hörspiele schreiben und produzieren.
Dieser Trend hat sich seither weiter fortgesetzt. Auf Wettbewerben und Festivals finden freie Produktionen zunehmend hörspielbegeistertes Publikum, und auch die
Rundfunkanstalten sind aufmerksam geworden und reagieren mit neuen Formaten auf diese Entwicklung.
Und die Szene ist aktiv wie nie: Mit originellen Themen und innovativen Formen schöpfen die Hörspielmacher die ganze Bandbreite des Mediums aus – mit Mut zum Risiko und
ohne Scheu vor Genregrenzen. Neben einem Trend hinzu ernsthaften und unbequemen Themen findet auch Unterhaltsames und Experimentelles große Beachtung: Inszeniert oder mit O-Tönen, als Hörspiel
oder als Feature.
Aber wie hört sich diese Entwicklung der freien Hörspielszene an? Eine Antwort darauf gibt pressplay 2: Aus über 120 aktuellen Produktionen aus den letzten
beiden Jahren hat Herausgeber Claes Neuefeind erneut die interessantesten 20 Hörspiele ausgewählt – mit Newcomern und Stars der Szene.
Carsten Klook. Hörstücke aus seinen CDs "Halbe Portion Jubel" und "Talk Slalom" (erschienen bei Gruenrekorder)
Der Einfall zu diesen Hörstücken kam mir, als ich beim Schlachter einen Schweinskopf in der Vitrine liegen sah. Die Vorstellung, dass Köpfe und deren Welten abnehmbar und verkäuflich sind, lächelte mich an. Eine Art Häme sich und seinen kopflastigen Attitüden gegenüber war es, was ausgestellt war.
Die mir seit langem fehlende Stimme, hier sah ich sie zumindest, wenn ich sie schon nicht hörte, aus ihrem museal platzierten Resonanzkörper geistvoll aufsteigen. Daraufhin nahm ich meine Po(e)si(e)tionierungsversuche als Aufschnitt-Angebot im Schlachterladen wahr: 100 Gramm wirklich Wichtiges, 30 Gramm Fragezeichen ... 250 Gramm rauchzarte Wortlandschaftskrumen. Auskünfte zu elementaren Fragen im Format von „Glaube, Liebe, Hoffnung“.
Ich verzichtete auf den Einkauf und stilisierte statt dessen meinen Mittagstisch zu einer Art privaten Weltverlustfestspiels. Dabei drapierte ich mehr oder minder bekömmliche Häppchen zu akustischen Prosa-Miniaturen in Auf- und Abschnitten.
Die CD “Halbe Portion Jubel” ist eine Sammlung von Prosaminiaturen und Sex- Gedichten, eingebettet in Soundscapes zwischen Song und Geräusch, zwischen Trash und Ambient.
Es geht darum, die Dysfunktionen der Sprache mitzudenken, die Kontexte der Doppel- und Dreifachbedeutungen, die Auflösungen. Splitter von Radio- und Fernsehmoderationen finden dabei ebenso Eingang wie ein Gedicht Ilse Aichingers.
Auf dem Album „Talk Slalom“ wird den verschwommenen Grenzen zwischen Geräusch, freier Rockmusik, Hörspiel und Textrezitation nachgespürt. Diese Elemente werden in unkonventioneller Form neu miteinander verbunden – vor allem in den Tracks 3 und 4.
Ausprobiert wurden Möglichkeiten des massiven Betextens von Musik, ohne daraus Hip Hop werden zu lassen.
Der Text zu „n-tags“ wurde zuerst eingesprochen und aufgenommen, dann wurde dazu musikalisch improvisiert (und das gemeinsam und ohne Overdubs).
Ebenso war es beim Titel „am tisch“, der nachträglich mit einem akustischen Auswurf an „n-tags“ gekoppelt wurde. Das lappt dann bisweilen auch in eine Art Song. Bei „das schlafen“ und „manchmal kann ich alles sein“ wurde zuerst die improvisierte Musik in einem Take aufgenommen, danach die Stimme(n).
Das Instrumental „GT (oblomow-version)“ ist eine rein musikalische Erzählung. Eignet sich gut zur mentalen Ausfahrt im Zimmer.
Aufgenommen und abgemischt wurde übrigens in drei Tagen – mistakes all included.
Großkotzig könnte man sagen, das Album bewegt sich musikalisch zwischen Jim Morrisons „All American Prayer“, Charles Curtis´ „Volcanoes“-Album, Jazz- und Free Rock sowie Einflüssen im Stile von Bands wie „The Sea and Cake“. Vom Trashrock-Exkurs auf „manchmal kann ich alles sein“ einmal abgesehen (der Riff dieses Stücks stammt von The Can aus „Mother Sky“).
Textlich werden Elemente konventioneller als auch experimenteller Literatur sowie eine Kinder-Fabel für Erwachsene verarbeitet.
In „n-tags“ werden in einem stream of un/consciousness Bilder aus dem Außen mit Assoziationen überlagert. Das Ergebnis ist eine Collage, die keine Geschichte erzählt, sondern ein „Puzzle“ ergibt, „bei dem eine Lücke flirrend durchs Bild zieht“. Irritation durch Information statt gezieltes „Making up your mind“ ...
Die Texte werfen Fragen auf und verweigern sich den Antworten. Der Zuhörer wird auf sich selbst zurückgeworfen. Das darf als pädagogischer Affront gegen das Besserwissen in Meinungs- und Ideologieverstrahlten Pop-Texten gewertet werden.
Tasche waren:
Fiona McKenzie: Schlagzeug
Andreas Voss: Bass, Noises
Carsten Klook: Gitarren, Stimme, Texte